Klang
Inmitten der Schonung
treiben Ufergestirne im Fluss.
Distanzen zerfallen
in silberne Landmarken.
Auf den Wellblechdächern dunkelt Moos,
steigt flüsternd die
Nacht den Spitzen der Pappeln zu.
Frei
Wie der Milan im Luftraum
seine Kreise zieht,
durchwandern wir
im Flug die Zeit.
Die Aussicht ändert
sich, wir jedoch bleiben.
für C.S.
Libertango
Ein Stück Himmel
schimmert in den Pfützen,
zum Glück Akkordeon.
An jeder Ecke
Straßenmusiker.
Münzen fallen in Mützen,
Piazzolla lädt
zum Tanz.
Kunst ist,
auf feinen Absätzen das
Kopfsteinpflaster überqueren,
die Dachterrasse
hinter dem
Spiegelsaal.
Stimmen im Restaurant,
drinnen der Klang.
Nachregendunst,
Erinnern im
Viervierteltakt:
das Wischen leiser Sohlen.
Vom blanken Boden
ein Stück
Himmel aufkehren.
tango nuevo
Göttingen 17.06.2026
Ins Schwarze
getroffen, neigt
die Abendflamme sich,
schließt
dem Cheiron das Lid.
Wo dunkle Wolken sich entluden,
die Nacht im Sturme
niederkam,
wurzelt ein Stern im Boot.
Die sommersatten Hügel schießen Licht
in Richtung Hafen.
Der Dieb ist tot.
Es blüht der Stift, statt
Zeiger grünt das weiße Blatt, blauen die Uhren.
Unbeirrbar
ruht der Fels
in meinen Gliedern.
Wie das Flirren
von Zikadenkleidern
ist im Zenit
jeder Gedanke hell,
der Augenblick
dem Licht entliehen.
Mein Puls ein
sanftes Wehen, Meer.
Das Leben aus
Myriaden Wellen hebt
und senkt sich,
brandet an in Liedern.
Wolken
in Flocken.
Der Sturm schenkt
mir den Sommer
ins Glas, lockt
junge Krähen
aus schäumenden
Kronen hervor,
hinüber auf´s Dach.
Im Tor wohnt
flimmernd das Gras,
blitzgestaltig
im Auge der Nacht.
Erste Tropfen,
bis der Donner mir
die Zunge löst.
Wovon
sprechen
die in der Stille
das Ohr
in den Wind stellen,
Schritte gehen?
Feinstaubflüstern,
von Füßen
ins Verschweben gelöste
Zeit, zerlegt
in Binnenlandschaften.
Weit die Pupille.
Mittig
am Fluchtpunkt
schwellen die Wörter,
Schwalbenregen,
Flüsse.
Licht
weder gegründet
noch verwurzelt,
wächst du mit mir
durch die Zeit,
Farbe ist dir Raum.
Die Nacht
tauscht
blinde Räume
gegen
rauschende,
sich öffnende
Bäume,
aus Schatten
gleiten
Träume von
aufsteigenden
Dohlen,
schwärmen ins
Wolkende,
lärmen ins
dämmernde, sich
ausweitende
Erwachen
der Stadt.
Wildwuchs
färbt die Hügel pointillistisch.
Derain war hier,
Matisse,
Monet.
Leuchtfeuererzählungen.
Doch Schiffe laufen nie denselben Hafen an,
auch Inselstädte drehen sich mit der Zeit.
Irgendwann
sind die Brückenpfeiler saniert,
die Brunnen gereinigt und gefüllt,
Dohlen erschließen sich emsig ihre Nisthöhlen.
Die Koffer werden zu Sommerhäusern voller Wörter.
Dicht an dicht
baumeln sie im Astwerk der alten Platane.
Geschichten wie die von der Place Du Change,
wo der Maler mit dem Hut am Nachmittag
das Sonnenlicht einfängt,
es mit neuen Nachrichten verwebt,
vom Kind,
vom Lachen,
von Aprikosensüße und Lavendelduft.
Davon dass ich meinem Pferd eine Hütte baue,
genau hier am See,
unterm Radar,
über mir der Milan im Aufwind.
für C.S.
Tauland
Sonnenhände pflügen,
entklüften.
Eisspaltenkonturen
brechen,
mäandern ins Tal,
bewässern schroffen Fels.
Fahles
wird übermalt,
Fallendes gefiltert,
Umschifftes markiert.
Sprechend
werden Akzente
in unbekanntes Terrain
gesetzt, Texturen
beständig
gerückt, Lücken gefüllt.
Fließschriften
driften
bis Hoffnung spürbar
das Geschundene überragt,
hüfthoch
sich festigt,
offene Wunden sich
wandeln,
Felder weitläufig sind,
vom Licht
befreite Spuren
sich zur Richtung fügen.
Fülle
Schimmernd sinkt das Licht in
ferne Tiefen, verliert sich mehr
und mehr im Scheinbaren,
sickert ein in von mächtigen Leibern
konturierte Schattenräume.
Feine Milchstaubpunkte glimmen nach,
fremde Laute stimmen an, rufen.
Gesänge dehnen sich aus,
schreiben Bestehendes fort,
Urzeitchiffren überlagern sich
in kreisförmig treibenden Botschaften.
Gerade so nah ist mir der Wal,
dass ich ihn deutlich sehen kann,
ihn wahrnehme, wie er abrupt
die Wellenlinie durchstößt,
kraftvoll emporsteigt, bläst, glänzend
an der Oberfläche entlanggleitet,
seine Fülle den Fluten entgegenwirft,
sie zerwühlt, aufschlägt,
im Sprühnebel der Gischt versinkt,
durchs tanzende Blau fallend
meinem Blick entschwindet, taucht.
Beizeiten
Maß nehmen, erinnern,
sich unvermutet anrühren lassen,
dabei das
passende Paar Schuhe,
am Ende die Hutschnur finden.
Beginnen,
die Intervalle stetig verkürzen.
Aus steilen Klippen
stürzt der Sommer in Schwalben,
verdreht mir den Kopf.
Derweil
wuchern in Vorgärten
Lichter in Ketten, blinkt rhythmisch
Elektronisches
an Geländern, Balkonen.
Blitze, Lichtgewitter in Fenstern,
wer will dort wohnen?
Vorfreude
zielt auf Langzeitbelichtung
und am Ende das Wort.
Schreibmut
Die Uhrenfischer holen bangend
ihre Netze ein, späte Tage atmen
lange Schatten, Vorahnung graut.
Der Fang der Silberfische bleicht
im Vorüberziehn das letzte Haar,
macht Finger klamm und kippt
das Jahr in Wellen voller Trübsal
über noch leere Stundeneimer aus,
deckt meinen Tisch mit Treibgut.
Der Dichter irrt, woher, wohin?
Blassäugig zählt er seine Gläser,
die Zeiger stehen kurz vor Zwölf.
Geschlossen ist die Bar! Ich halte
mich an jenen stolzen Segler, dem
bei Nordostwind Knospen treiben.
Flügel blühen nur den Reisenden,
der Himmel spannt den Möwen
lichte Schirme, hab noch Zeit gut.
Zeit
du Diebin
Gönnerin
nimmst weg
beschenkst
Was bleibt
von Blicken
ohne Augen
vom Dunkel
ohne Nacht
wohin fließt
das Licht
Wer flieht
vor wem
du oder ich?
Im Silbenhaus
wohne ich
ohne Dach ohne Wand,
gehe ein und aus
mit Wörtern
bekleidet, aneinander
gereihten Silben.
Mein Raum ist der See,
wo vom Licht
bedacht, der Atem
von silbernen Reihern
wandelnd durch
meine Türen geht.
En la casa de las sílabas
vivo
sin techo ni paredes,
entro y salgo
vestida con palabras,
sílabas
encadenadas unas a otras.
Mi espacio es el lago,
donde, bajo la luz,
el aliento
de las garzas plateadas
atraviesa
mis puertas.
Fließend
bewahrt der Regen
das Haltlose.
Unerwartet
Zart
das Gefieder.
Staunen
ruht bewegt,
bebt
auf der Hand.
Verletzliche
Notiz
aus Blüten,
aus Staub.
Fein in
lichtes Gelb
gebundenes,
transparentes
Gesicht
im Thymian.
Geborgen
aufgehoben
bin ich,
doch lange
war ich
verloren,
im Leeraum
zwischen
den Wörtern
verborgen.
A salvo
Ahora estoy a salvo, pero
durante mucho tiempo
estuve perdido,
en el vacío,
escondido
entre los
sonidos.
Zurück an Land
ist jeder Schritt
wie im Rausch.
Wankend erreichen wir
den Tisch
im Restaurant, blicken
auf´s Meer,
verschieben die Stühle,
zäumen ab.
Wie früher nach
langen Ausritten, wenn
die Pferde
im duftenden Stall
ihre Sättel
abwerfen, fressen wollen.
Zakynthos
im Sonnenuntergang.
Die Westpassage
vorbei am Schmugglerboot,
den weißen Betten
der Karettschildkröten,
in die Arme von
Aios Nikolaos, Hafen,
Fischerdorf im Nordosten.
Nach ruhiger Nacht
öffnet sich der Tag.
Blau mit weißen Segeln.
(Ionisches Meer)
Lefkada
Festsitzen am Morgen.
Sturmwellen haben das Boot
über Nacht in den Sand
gesetzt, sind unfreiwillig
Gegründete. Freischaukeln,
Teamwork, ans Ruder, Anker
raus, Fender rein. Unterwegs
blauen Delfinen auf den
Straßen beim Tauchen zusehen.
Am Abend dann Ithaka.
In der Bucht unterm Vollmond
Nudeln essen, unauffindbar
sein. In Zeiten ohne Handy
Lichter am Horizont, Sterne
sehen. Das Navi und die
Seekarten unter Deck, direkt
am Herd neben den Töpfen.
Am Bug das leise Plätschern.
(Ionisches Meer)
Procul asinus clamat
ist das Erste, das
wir hören, als wir am Nachmittag in
den Hafen einlaufen.
Willkommensgruß
oder die freundliche
Sturmwarnung eines Einheimischen?
Bei Ankunft
füllen wir
die Wassertanks,
machen einen Rundgang am Olivenhain,
in der Ferne klimpern
die Wanten.
Der Wind
frischt auf.
Zur Sicherheit mit dem Dingi
den zweiten Anker
ausbringen,
aufräumen an
Deck. Laut Vorhersage baut
das Wetter unter-
dessen
weiter,
stapelt Wolken im Westen.
(Ionisches Meer)
Acht
Samen pflanzt der Wind.
Woran die Welt
sich reibt, gedeiht
den Dichtenden zur Kunst.
Mit der Straße
auf dem Weg zur Küste
legen wir Winkel
an Serpentinen, geben der
Anziehung Richtung,
den Schiffen neue Namen.
Bleiben, bauen auf
in der Bucht zwischen
Pinien und Feigen, den
blauen Trauben vom
Vorabend, den Abdrücken
von nackten Füßen
im Staub. Auf den Terrassen
öffnen wir Seiten,
sitzen im rauen Gras
im Osten, zwischen Disteln
und Macchia. Warten
am Morgen, wissen warum.
Kraniche
schallnah
nebelverortet
Klangflocken wirbeln
fallen
von oben
aus dem Geburtshaus
von Regen
vom Wind
der Herbst
liegt in Wehen
schreit
während Vögel
durch Wolken gleiten
an mir
vorbei
an allen vorbei
unbeirrt Reisende
von Nord nach Süd
unterwegs
auf geheimen
Bahnen
Vogelflugweisheiten
ohne Spur
ahnend
der Länge nach
aufgereiht
am Himmel
eingewebt
in den Meridian
bleibt
das Fernweh
sobald
der Gesang
vorhersehbar
verebbt
schwindet
vogelgleich
südsommerbelichtet
verdichtet
überwintert
Wozu
Besen gut sind,
wenn nicht
in den Raum die
Ruhe einzukehren.
Blauer als
Lau der Abend
Waldbaden in Vanillelicht
Kreischen über den Gleisen
Im Luftzug von
Balkonien nach Borkum reisen
Vögelsprühen
Gischt über Mauern aus fast 32
Grad doch keine Erfrischung
Stattdessen
Schwalbengraffiti in motu
Zu Gast ein Reimbauer ohne Nest
Ohne doppelten Boden
Deutlich: der Wein ist entkorkt
Kühl Lidl 4,99
Habens bald
Mein Freund sind noch am Start
Kreisen gefühlt um den Mont
Ventoux
Blanc Jahrgang 24 Trocken
Trifft Gegenwart
Amanecer
Léeme otra vez
tus sueños,
susúrrame cada palabra
al oído,
no quiero perderme
ni una sola.
A tu lado
el cielo se abre radiante.
El amanecer
permanece en silencio
en el valle,
inhala luz y
exhala niebla lentamente —
la tierra
se ilumina y se calienta,
una vez más.
Wie erwartet
die Nachricht aus Fernwest.
Eigenwillig signiert der Tag
das erste Blatt am Baum.
Schlagzeile aus Restgold,
glühend rot der Unterstrich.
Gegenüber am Hang leuchten
Schriftzüge, im Strauchwerk
Markierungen, Akzente in
Grün, lichte Leerzeichen.
Blau das Dach, der Abendvogel
singt für mich, hinter dem
Haus verlässlich die Kastanie.
Weird
Draußen werden die Schriften nicht gestellt
Die Halme im Feld sind bereits gemäht
Nebel überstülpen dem Ort eine Taucherglocke
Nasse Flocken glitschen hektisch ans Glas
Der Nachbar bestellt Fisch bei Bo Frost
Lyrik spricht dort nur der Hahn im Stimmbruch
Drinnen galoppiert das Ostpferd durchs Gras
Zwischenzeit
Heut liebe ich den Zwischenraum
Mag stundenlang nur Wolken schauen
Mir Wandelluftschlosshäuser bauen
In den Fluren und Schattierungen
Aus Lichtgrau und Hellblau spazieren
Schwere und wunschlos möchte ich
Im fernen Luftraum mich verlieren
Jenes Zwischenzeitraumleuchten still
Bestaunen auf meinen Weg vertrauen
Tiempo intermedio
Hoy amo el espacio intermedio,
contemplar las nubes por horas,
construirme castillos en el viento,
pasear por pasadizos y matices
de gris claro y azul pálido;
ingrávida y sin deseos, quisiera
perderme en el lejano firmamento,
admirar en silencio el resplandor
del entretiempo, confiar en mi camino.
Fehlstellen
bleiben bestehen. Gefühlt liege ich, werde wach
im Aufwachraum, wach mit dem Nach-wie-vor-Wissen,
dass wegen unbekannter Variablen, nicht zu Ende geführter
Gespräche, bereits verzeichneter Begegnungen, des
inoffiziell gelesenen Begehrens nach Austausch Regen fällt.
Andauernd fällt Regen, als wollte er die Kanten meines Lebens
glatt schleifen, das Glas mit deinem Lippenabdruck
ausspülen, wiederholt mir den Baum fluten, wo die Blicke
ohnmächtig ins Vage hineinlauschen, sich nur kurzzeitig treffen,
ungefragt Wörter verrücken und auf weiteren Ebenen
Erfahrungen anpflanzen, die im Schnellverfahren Wurzeln
schlagen - ein Sehnen, das besteht, während ich hier liege, wach
im Aufwachraum. Obwohl die Ärzte mir den Teil des
Herzens, der vermissen will, vorsorglich operativ entfernt,
herausgeschnitten haben, bist du noch da, bist Phantomschmerz.
für C.S.
Klarsicht
ist die Einsicht, dass es keinen
Sinn macht, ohne den Scheibenwischer
weiter zu fahren, weil das, was jetzt
klar ist, keinen Sinn macht, wenn es
beim Weiterfahren wieder verwischt
Echtzeit
wir schreiben
der Sehnsucht hinterher,
uns vor uns selbst davon,
bis die Zeit
uns einholt, anhält,
wir uns selbst nicht länger
aus dem Weg gehen,
uns begegnen.
Lichtabgewandt
den eigenen Raum abschreiten,
dorthin gehen,
wo alle Ecken blind werden,
wo Fremdes
die Stille durchweht,
die Farbskala
am eigenen Scheitern zerbricht.
Dort geht es weiter.
Durchlässig
der See.
Sonne und Mond
sehen in ihm nur ihr eigenes Licht,
allein
das Herz
sieht am Grunde Rosen wachsen.
Transparente
El sol y la luna
ven su propia luz reflejada en el lago.
Solo el corazón
ve rosas que crecen en el fondo.
Wen
umarmen die
ohne Arme,
deren Hoffnung
ins Leere fällt,
deren Schreie
wie Klammern
sich um offene
Wunden legen,
zu schließen,
weil Hände Halt
nur träumen.
Sternennacht
Mit Hingabe
lässt
die Nacht
in fernen
Ozeanen
Perlen wachsen,
Wegweiser
zu einem
neuen Tag.
Ein einziges
großes
Lauschen
wird geboren.
Copyright Petra Booms 2026